24. August 2010

Menschen im Gespräch: Teil VI


Interview

mit

copyright Dr. Büntgen



Dr. Ulf Büntgen


In der heutigen Ausgabe von "Menschen im Gespräch" begegne ich Dr. Ulf Büntgen von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL in Birmensdorf/Schweiz (WSL). Dr. Büntgen ist dort als Scientific Research Assistant in der Paläo-Klimatologie-Gruppe im Bereich Dendro-Wissenschaften tätig (Gruppe Paläo-Klimatologie). Des Weiteren ist Dr. Büntgen Mitglied des "Oeschger Centre for Climate Change Research (Oeschger-Center)". Da Dr. Büntgens Expertise unbestritten ist, wofür wohl auch seine zahlreichen Veröffentlichungen sprechen (Liste der Veröffentlichungen), freut es mich besonders, dieses Interview zu führen.

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W.v.B.: Es ist schön, einen Wissenschafter begrüßen zu dürfen, der sein Augenmerk auf die Paläoklimatologie und im Speziellen auf mein Blogthema, die MWP oder genauer, die Klimavariabilität richtet.

Dr. Büntgen, ich möchte zu Beginn Einiges über den momentanen Stand in der Dendroklimatologie in Bezug auf langfristige Klimarekonstruktionen in Erfahrung bringen.

Wenn ich Städtenamen wie Hammerfest oder Kopenhagen anführe, so ist Ihnen sicherlich ersichtlich, dass es sich hierbei um Städte handelt, die auf dem 55 bzw. 70sten Breitengrad Nord gelegen sind. Für dazwischen liegende Breiten wurde in den letzten Jahren das sog. "Divergenz-Problem" nachgewiesen (Siehe Fußnoten). Was ist der aktuelle Stand bezüglich des "Divergenz-Problemes" in der Dendroklimatologie - gibt es Lösungansätze bzw. wie stehen Sie kritischen Anfragen gegenüber, in welchen u.a. auf die Möglichkeit von "nonlinear tree growth responses to temperature" und die damit einhergehenden Konsequenzen für die gängigen linearen Modelle hingewiesen wird (Cf., u.a. Löhle: A mathematical analysis of the divergence problem in dendroclimatology, in: Climatic Change. DOI 10.1007/s10584-008-9488-8.)?

Letztlich stellt sich die Frage, ob langfristige Klimarekonstruktionen, welche auf der Auswertung von Baumringdaten basieren, auch im wissenschaftlichen Sinne adäquat sind oder nicht. Was ist Ihr Resümee?


Dr. Büntgen: Erst einmal möchte ich mich bei Ihnen für die Einladung zum Interview und die damit verbundene, im Vorfeld zu leistende Recherche und Logistik bedanken. Genau wie meine, sagen wir "Vorredner" halte ich es auch für eine gewisse wissenschaftliche Verpflichtung oder gar Normalität, seriös über den Status Quo zu informieren. Die oft aus Forscherperspektive monierten Kommunikationsschwierigkeiten und daraus resultierenden Verzerrungen, können nur durch einen fair geführten Dialog, sowie einen respektvollen Umgang unter stetigem Abwiegen zwischen wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung, medialer Inszenierung und politischer Umsetzung vermieden werden. Damit möchte ich sagen, dass die politische Umsetzung wissenschaftlicher Ergebnisse sich stärker an deren Wahrheitsgehalt orientieren sollte, mögliche Unsicherheiten zu berücksichtigen hat und den komplexen Ablauf eines evolutionären Prozesses respektieren muss - die Interpretation vermeintlich finaler (und somit medial interessanter) Resultate ist keine Alternative.

Zur Kommunikationsthematik zwischen den drei Sphären "Wissenschaft, Medien, Politik" möchte ich folgendes anmerken. Themen rund um den Klimawandel sind längst in unserem Alltag etabliert, gehören zum festen Bestandteil tagespolitischer Meinungsbildung und werden zunehmend lobbyistisch instrumentalisiert. Spätestens bei ausführlicher Betrachtung fällt jedoch auf, dass der jüngst zu beobachtende Klima-Aktionismus auf einer nur teilweise fundierten Datengrundlage basiert. Ernüchternd muss also festgehalten werden: die in den Medien inszenierte und politisch geführte Debatte hat den wissenschaftlichen Kenntnisstand längst verlassen. Die jüngst entfachte Klima-Hysterie setzt die logische Abfolge von Erkenntnisgewinnung, Interpretation und Umsetzung ausser Kraft und gefährdet somit das Nachhaltigkeitsprinzip.

Nun zu ihrer Frage, respektive Behauptung und deren Einschätzung meinerseits: Über den Nachweis eines sog. - und vor allem unikausalen - "Divergenz-Problems" innerhalb der nördlichen Breiten, also in dem von Ihnen skizzierten zirkumpolaren Borealen Waldgürtel, oder zielt Ihre Beschreibung lediglich auf Skandinavien ab, ist mir keine Arbeit bekannt, welcher überzeugende Evidenzen für ein solches "Divergenz-Problem" entnommen werden könnten.  

Ein seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre teilweise angeführtes Phänomen, welches dann schnell unter dem Begriff der "Divergence" verbucht wurde und innerhalb der letzten fünf Jahre verstärkt in der Fachliteratur diskutiert - aber nicht erklärt - wurde, ist mit gewisser Vorsicht zu behandeln. In einem ersten Schritt muss - hier führt kein Weg vorbei - der Begriff, sprich das sujet - wenn nötig auch semantisch - definiert werden. Eine Dialektik wird unumgänglich. Danach erst lässt sich vielleicht eine halbwegs sinnvolle, sprich konstruktive Debatte führen.

Zur Begrifflichkeit des "Divergenz-Problems" möchte ich folgende Textausschnitte anführen:
Evidence for reduced sensitivity of tree growth to temperature has been reported from multiple forest sites along the mid to high northern latitudes and from some locations at higher elevations. This alleged large-scale phenomenon reflects the inability of temperature sensitive tree-ring width and density chronologies to track increasing temperature trends in instrumental measurements since around the mid-20th century. In addition to such low-frequency trend offsets, resulting in warmer instrumental and cooler reconstructed temperatures, the potential inability of formerly temperature sensitive trees to reflect high frequency climate signals derives from some boreal and alpine sites. These two observations have recently been introduced as the 'Divergence Problem' (DP), with causes and scales being discussed in a veariety of recently published high-ranking peer-reviewed articles. If the DP turns out to be a real and widespread phenomenon (coincidentally) paralleling anthropogenic-induced changes of atmospheric composition as well as global warming, it would not only have a substantial effect on biomass productivity rates, with serious implications on carbon seequestration, but it would further question the overall ability of tree ring-based temperature reconstructions to capture earlier periods of putative warmth, such as the so-called Medieval Warm Period, and subsequently to model possible relations of forest ecosystems in a warming world.
In this regard, a comprehensive study synthesising the recent discussion of how trees at higher latitudes and elevations have responded to temperature variations (not a simple increase) over the past decades would be of multiple need and relevance. I believe this to be of particular importance, because low frequency offset between tree-ring chronologies (not single series) and the recent change in instrumental temperature readings (which might also contain bias) has been introduced as the "Divergence Problem (or Phenomena)" (DP) in tree-ring research (and more broadly in climatology and ecology). An ongoing debate on causes and scales of candidate reasons for the DP confuses the scientific literature. This is mainly related to the fact that any disassociation between tree growth and temperatures would limit the ability of tree-ring proxy data to reconstruct earlier periods that might have been as warm or even warmer than the late 20th century, and model possible reactions of forest ecosystems in a warming world. A potential reduction in climate sensitivity of formerly temperature-controlled habitats would further complicate estimates of future biomass productivitiy with implications for the global carbon cycle.
At the same time, innovative work has been put forward indicating that the DP may be attributed to methodological artifacts. These include inappropriate i) selection of sampling sites, ii) application of tree-ring detrending methods, iii) elimination of variance changes, iv) utilization of calibration technique, period and target data, as well as v) evaluation of seasonal response windows. Strategies for proper assessment of growth-climate relationships have now been published for the European Alps and Northern Eurasia. Since these studies are based on several thousand tree-ring series and independently demonstrated that DP is inexistent for a major mid-latitude mountain system and over large parts of high-latitude taiga forests, it hast been confirmed that no general underlying cause exists.
Publication of such kind of article should have the aim of opening the ongoing debate on the DP to adjacent disciplines dealing with aspects of plant growth and climatic change, such as biology, physiology and ecology. At the same time, a forthright discussion of those studies that initially propagated 'pitfall' related DP in light of new evidence would help overcoming actual constrains, and stimulate academics, industrial and applied plant scientists, students and researchers to rethink current perspectives of responses in a warming world.


In diesem Zusammenhang schätze ich als relevante und durchaus kritische Literatur folgende (meiner) Arbeiten ein:

Büntgen U, Schweingruber FH (2010) Environmental change without climate change? New Phytologist doi: 10.1111/j.1469-8137.2010.03342.x
Büntgen U, Wilson R, Wilmking M, Niedzwiedz T, Bräuning A (2009) The 'Divergence Problem' in tree-ring research. TRACE 7: 212-219.
Büntgen U, Frank DC, Wilson R, Carrer M, Urbinati C, Esper J (2008) Testing for tree-ring divergence in the European Alps. Global Change Biology 14: 2443-2453.
Visser H, Büntgen U, D'Arrigo R, Peterson A (2010) Detecting instabilities in tree-ring proxy calibration. Climate of the Past 6: 225-255.

Das Thema rund um "nonlinear tree growth responses to temperature" und die damit einhergehenden Konsequenzen für die gängigen linearen Modelle wird wohl am besten in Visser et al. 2010 (CP) angesprochen.

Dann steht noch mein Resümee aus. Natürlich sind die meisten langfristigen, auf Jahrring-daten (-breiten oder -dichten) basierenden Klima-Rekonstruktionen (Temperatur-) im wissenschaftlichen Sinne adäquat. Im wissenschaftlichen Sinne haben sie die Aufgabe den Stand der Forschung ehrlich zu reflektieren und beinhalten somit selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollkommenheit. Wissenschaftliche Ergebnisse dürfen eben nicht als endgültig verstanden werden - siehe oben. Gute Arbeiten beinhalten darum auch eine, wenn möglichst umfassende und realistische Fehlerabschätzung. Speziell sei noch darauf hingewiesen, dass gerade aus Skandinavien die vielleicht besten regional-scale summer, i.e. June-August temperature reconstructions based on annually measurements of conifer maximum latewood density kommen. Eine Divergenz zwischen ansteigenden Sommertemperaturen und geringerem Jahrringwachstum ist in Skandinavien eh kein Thema, da die höchsten Temperaturen in den 1930er Jahren lagen (der Sommer von 1937 war extrem warm).

Fig. 1 (a) summer (June-July-August) temperature measurements of eight Scandinavian stations (+65° N) considering raw and homogenized data from the GHCN and GISS (32 series; orange), the Tornedalen composite back to 1816 (pink), and the gridded CRUTEM3v mean, averaged over 65-70° N and 20-30° E (red). The blue curve shows the gridded December-February winter mean, and corresponding linear trends (1860-2008) are described at the left side. (b) Twenty-five chronologies (green) and their mean (dark green). (c) Reconstructed summer temperatures back to 500 AD with their 20 warmest decades superimposed (horizontal bars).


Zu der hier gezeigten Figur haben wir unter folgendes geschrieben (Büntgen and Schweingruber 2010; NP):
Instrumental station measurements provide reliable information on northern Scandinavian temperature variability as far back as the early 19th century (Tornedalen; Klingbjer and Moberg, 2003). The warmest and coldest June-July-August means occurred in 1937 and 1902, respectively. Lines of evidence for significant long-term warming from cooler Little Ice Age to warmer recent summers, however, remain absent. A similar course is obtained from December-February winter means: cooler conditions before ~1910, warmth between ~1930-1950, cooling from ~1950-1980 and increasing temperatures from the 1980s to present (Fig. 1a). Linear trends of summer and winter temperatures are similarly free of any long-term trends. Independent of the data providers considererd (GHCN and GISS) and the versions used (raw and homogenized), station readings resemble grid-box means (CRUTEM3v; Brohan et al., 2006) of the past 150 years (Fig. 1a). The Abisko record used in Hallinger et al. correlates at 0.91 with gridded CRU summer temperatures back to 1869, and also does not indicate any long-term warming.
To best understand past changes in northern Scandinavian forest growth, we herein utilize a tree-ring network of 1,179 series containing ~190,000 annual maximum late wood density measurements from 25 conifer sites in Norway, Sweden, Finland and Russia  +65° N. This unique compilation appears to be most representative for vegetation dynamics across boreal Europe. Non-climatic age trends were removed from the raw density series using Regional Curve Standardization (Esper et al., 2003). Each of the site records perfectly tracks inter-annual to multi-decadal variations in northern Scandinavian summer temperature (Fig. 1b). Correlation with air temperature back to 1860 is 0.83.
A master chronology of 12 ring width and density chronologies from Swedish Torneträsk (Briffa et al., 1992; Grudd et al., 2002; Grudd, 2008), central Sweden (Gunnarson et al., 2010), Finnish Lapland (Helama et al., 2009), coastal Norway (Kirchhefer, 2001) and regional-scale networks (Gouirand et al., 2008; Linderholm et al., 2009; this Study) allow Scandinavian temperatures to be reconstructed back to AD 500 (Fig. 1c). Comparably warm summer occurred in the 8th century, between ~900 and 1200, in the 15th century, and again in the early-mid 20th century. The reduced warm/cool/warm amplitude associated with the Medieval Warm Period/Little Ice Age/Anthropogenic Era is indicative of internal ocean-atmosphere coupling and resulting climate inertia strong enough to override external forcing (Büntgen et al., 2010).


W.v.B.: Zu Ihrer Forschungstätigkeit zählte, wie aus Ihrer Homepage entnehmbar (buentgen.com), in den letzten Jahren und zählt auch heute noch die Teilnahme an verschiedenen Projekten zur Bestimmung lokaler, regionaler und hemisphärischer Klimavariabilität. Ich meine hier insbesondere die Projekte ALP-IMP, MILLENNIA und MILLENNIUM.

Können Sie uns einen kurzen Überblick darüber geben, welche Einsichten Sie bezüglich der Existenz einer MWP im alpinen (ALP-IMP) und europäischen Raum und für die Nördliche Hemisphäre (MILLENNIA, MILLENNIUM) gewonnen haben und wie der aktuelle Stand der Forschung diesbezüglich, aus Ihrer Sicht  der Dinge heraus ist?


Dr. Büntgen: Der Vollständigkeit halber müssten hier auch noch einige andere Projekte angeführt werden, wie zB EuroTrans. Trotz der Gefahr einer Wiederholung, muss ich, einmal mehr auf die definitorische Genauigkeit des Begriffes MWP hinweisen. Dieser Begriff wurde - nageln Sie mich hier bitte nicht fest - von H.H. Lamb vor knapp 40 Jahren eingeführt.

Einige Temperaturrekonstruktionen zeigen in früheren, vorindustriellen Perioden ähnlich hohe Temperaturen wie sie im 20. Jhd. gemessen wurden. Diese Ergebnisse liegen für unterschiedliche Regionen vor. Für Europa und hier basierend auf Alpinen Jahrringdaten, zeigen viele Rekonstruktionen relativ warme Sommer kurz vor (und um) 1000 AD und dann noch einmal um 1200 AD und in der Mitte des 13. Jhd. Genau wie auch das 20. Jhd. durch eher wämere und kältere Perioden gekennzeichnet war, kann auch bei der MWP in keinem Fall von einer "homogenen" Klimaphase ausgegangen werden. Auch gab es wohl Phasen, in denen die Sommer kühler waren als vor und nach dieser Epoche (mit vorher meine ich dekadische bis mehrdekadische Intervalle zwischen 300 und 800 AD, mit nachher meine ich dekadische bis mehrdekadische Intervalle zwischen 1300 und 1900 AD). Über die räumliche Ausbreitung, die zeitliche Abfolge und die absolute Amplitude wissen wir heute noch nicht viel. Etwas mehr wissen wir über die als "Kleine Eiszeit" in die Literatur eingegangene Periode zwischen ungefähr dem 13. und 19. Jhd. - auch hier handelte es sich keineswegs um eine klimatisch homogene Phase, noch weniger Wissen haben wir bezüglich der vor der MWP liegenden Klimabedingungen, welche öfters als "Dark Age" bezeichnet werden, einem Begriff der historisch jedoch nicht fundiert ist.

In kurz, es besteht noch sehr viel Forschungsbedarf um die Klima, respektive Temperaturschwankungen der letzten zwei Jahrtausende zu verstehen. Dies gilt vor allem für das Verständnis über die Amplitude der Langfristtrends, deren räumliche Muster und die verantwortlichen Steuergrößen.


W.v.B.: In den vorangehenden Interviews wurden verschiedene, jedoch großteils sich deckende Aussagen bezüglich wissenschaftlicher Evidenz für die Existenz einer MWP in der Südlichen Hemisphäre, von meinen Interviewpartnern getroffen. Die Übereinstimmung lag meines Erachtens darin, dass meine Gesprächspartner der Meinung waren, dass es zum jetzigen Zeitpunkt wissenschaftliche Evidenz für die Existenz einer MWP/MCA sowohl für Südamerika, Australien und Neuseeland aber auch die Antarktis gibt (für Afrika konnte ich selbst einige Studien anführen, darunter auch eine "nordhemisphärische" Studie, an der Sie direkt beteiligt waren: Long-term drought severity variations in Marocco [pdf-Format, 560 KB]). Herr Dr. Büntgen, was ist Ihre Meinung hierzu?


Dr. Büntgen: Unser Verständnis klimatischer Bedingungen vor rund 1000 Jahren und noch früher ist für die südliche Hemisphäre nochmals um einiges schlechter! In Nordafrika sind wir übrigens noch sehr weit von der Südlichen Hemisphäre entfernt. Hemisphärische Studien stützen sich auch nur auf einige regionale Ergebnisse.


W.v.B.: Ich möchte Sie abschließend darum bitten, uns Ihre Einschätzung zur vorliegenden Evidenz für die Behauptung, dass die MWP ein globales Phänomen war, zu geben.


Dr. Büntgen: Gehen Sie von den möglichen Steuergrößen aus. Was bleibt übrig? Alles läuft auf dieser Skala auf die Sonne hinaus. Wenn dem so ist, müsste man sicher von einer globalen Anomalie ausgehen dürfen; natürlich durch interne Oszillationen modifiziert. Eine ausreichende Datengrundlage liegt aber leider noch nicht vor. Darum haben wir Arbeit.

Wir müssen es in Zukunft schaffen, die Proxy Datengrundlage zu verbessern, unterschiedliche Archive und Quellen optimal zu kombinieren und noch enger im Quervergleich mit Modellieren zu agieren.


W.v.B.: Ich danke für das Interview!


copyright W.v.B.

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Fußnoten

Das sog. "Divergenz-Problem", wie es sich in der Dendroklimatologie bezüglich Klimarekonstruktionen anhand der Auswertung von Baumringdaten stellt, wurde nach Esper et al. [1] erstmals 1995 von Jacoby und D'Arrigo, in ihrer Abhandlung "Tree-ring width and density evidence of climatic and potential forest change in Alaska"[2] für Alaska erkannt und erörtert. Verkürzt, aus "FURTHER DISCUSSION ON: TREE-RING TEMPERATURE RECONSTRUCTIONS FOR THE PAST MILLENNIUM ..."[3] entnommen, handelt es sich hierbei um folgenden Sachverhalt:
A number of tree-ring series indicate a divergence between tree growth and temperature at some northern site in recent decades.

In weiterer Folge wurde das Auftreten dieses Problems in mehreren Regionen der nördlichen Hemisphäre - D'Arrigo et al. sprechen im Groben von einem Auftreten zwischen dem 55 und 70sten Breitengrad Nord -,[4] von unterschiedlichen Forschern, mit differierenden Datierungsdaten für das erstmalige in Erscheinung treten (von den ~1950ern bis in die 1980er)[5] für Alaska u.a. von Taubes (1995)[6], Barber et al. (2000)[7], Lloyd und Fastie (2002), Davi et al. (2003)[8], Wilmking et al. (2004, 2005)[9], D'Arrigo et al. (2004, 2005)[10] und Driscoll et al. (2005)[11], für Canada von Wilson und  Luckman (2003)[12], für Japan von Yonenobu und Eckstein (2006)[13] und für Sibirien von Jacoby et al. (2000), bestätigt. Briffa et al. sprachen in ihrer Arbeit "Reduced sensitivity of recent tree growth to temperature at high northern latitudes, in: Nature (1998) 391: 678-682" gar von einer "widespread evidence for the DP" bezüglich Nord Amerika, Nord Europa und Sibirien, zu lesen bei Büntgen et al.[14] Jedoch, dies sei festgehalten, zeigen nicht alle Aufzeichnungen von Temperatur-sensitiven Baumringdaten Divergenz. D'Arrigo et al. "On the 'Divergence Problem' in Northern Forests: A review of the tree-ring evidence and possible causes, in: Glob. Planet. Change (2007). DOI: 10.1016/j.gloplacha.2007.03.004" führen auf Seite 9 hierzu  zumindest 13 Studien an. Folgten wir Briffa und dieses Phänomen würde hemisphärisch, wenn nicht im Weiteren gar für die südliche Hemisphäre  nachgewiesen, so scheint es, dass gängige dendrochronologische Klimarekonstruktionen basal an Aussagekraft verlieren würden bzw. prinzipiell als  ungeeignet eingestuft werden müssten. Büntgen et al. widersprechen einem bi-hemisphärischen Ansatz, wenn sie, mit Verweis auf die gängige Literatur schreiben: "Moreover, the current body of literature reveals that the DP does not exist at lower latitudes" (Büntgen et al.: The 'Divergence Problem' in tree-ring research, 2). Büntgen et al. weiter: "Therefore, the DP should not be thought of as an endemic large-scale phenomenon with one overriding cause, but rather a local- to regional-scale phenomenon of tree-growth responses to changing environmental factors including multiple sources and  species-specific modification" (Ibid., 2).

Es handelt sich beim Divergenz-Problem letztlich um eine Diskrepanz, welche in der gängigsten, neuen Untersuchung von D'Arrigo et al.[15] wohl zurecht wie folgt beschrieben werden kann: "
A number of recent tree-ring studies have addressed the 'divergence problem' in northern forests. It is defined herein as the tendency for tree growth at some previously temperature-limited northern sites to demonstrate a weakening in mean temperature response in recend decades, with the divergence being expressed as a loss in climate sensitivity and/or divergence trend.


Untenstehende Grafik  verdeutlicht die Diskrepanz zwischen instrumentell versus aus der Dendrochronologie rekonstruierten Temperaturdaten:

Fig. 3. Plot comparing recent tree-ring based Northern Hemisphere temperature reconstructions (Briffa, 2000; Esper et al., 2002; D'Arrigo et al.,2006) that extend into the 1990s with land based mean annual extra-tropical temperatures (20°–90° N — Brohan et al., 2006). The reconstructions have been scaled to the instrumental data over the common 1856–1992 period and the linear increase per decade calculated over the same period.

[Briffa: Annual climate variability in the Holocene: interpreting the message from ancient trees, in: Quaternary Science Reviews (2000) 19, 87-105. Esper et al.: Low-frequency signals in long tree-ring chronologies for reconstructing past temperature variability, in: Science (2002) 295, 2250-2253. D'Arrigo et al.: On the long-term context for late twentieth century warming, in: J. Geophys. Res. (2006) 111, D03103. DOI: 10.1029/2005JD006352. Brohan et al.: Uncertainty estimates in regional and global observed temperature changes: a new data set from 1850, in:. Res (2006) 111, D12106. DOI: 10.1029/2005JD006548. W.v.B.]


Es werden mehrere mögliche Ursachen für das Divergenz-Phänomen in der scientific community diskutiert. D'Arrigo et al. fassen zusammen:
These  possible causes include temperature-induced drought stress, nonlinear thresholds or time-dependent responses to recent warming, delayed snowmelt  and related changes in seasonality, and differential growth/climate relationships inferred from maximum, minimum and mean temperatures. Another  possible cause of the divergence described briefly herein is 'global dimming', a phenomenon that has appeared, in recent decades, to decrease the  amount of solar radiation available for photosynthesis and plant growth on a large scale. ... Additional potential causes include "end effects" and other  methodological issues that can emerge in standardization and chronology development, and biases in instrumental target data and its modeling. Although limited evidence suggests that the divergence may be anthropogenic in nature and restricted to the recent decades of the 20th century, more  research is needed to confirm these observations.
(Cf., Ibid, Abstract).

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[1] Esper et al.: Divergence pitfalls in tree-ring research, in: Climatic Change (2009) 94: 261.
[2] Jacoby und D'Arrigo: Tree-ring width and density evidence of climatic and potential forest change in Alaska, in: Glob Biochem Cycles (1995) 9: 227- 234.
[3] D'Arrigo et al.: FURTHER DISCUSSION ON: TREE-RING TEMPERATURE RECONSTRUCTIONS FOR THE PAST MILLENNIUM, Follow-up on the National  Research Council Meeting on "Surface Temperature Reconstructions for the Past 1000-2000 Years", March 2-3, 2006, Washington D. C., 1.
[4] Cf., Ibid., 2; der eigentliche Verweis geht auf Cook et al. und die Arbeit "Extra-tropical Northern Hemisphere land temperature variability over the past  1000 years, in: Quaternary Science Reviews (2004) 23: 2063-2074".
[5] Cf., u.a. Löhle: A mathematical analysis of the divergence problem in dendrochronology, in: Climatic Change, DOI 10.1007/s10584-008-9488-8. Er schreibt: "This problem is characterized by trees or assemblages of trees that showed a positive response to warming in the early part of the century showing a lessened or even negative response to warming in the period starting in the 1960s to 1980s". Lloyd und Fastie sprechen nach Löhle in  "Spatial and temporal variability in the growth and climate response of treeline trees in Alaska, in: Climate Change (2002) 58: 481-509" von den 1950ern  für Alaska; Jacoby et al. in "Long-term teperature trends and tree growth in the Taymir region of northern Siberia, in: Quaternary Research (2000) 53:  312-318" von den 1970ern für Sibirien.
[6] Taubes: Is a warmer climate wilting the forests of the north?, in: Science (1995) 267, 1595.
[7] Barber et al.: Reduced growth of Alaska white spruce in the twentieth century from temperature-induced drought stress, in: Nature (2000) 405, 668- 672.
[8] Davi et al.: Boreal temperature variability inferred from maximum latewood density and tree-ring width data, Wrangell Mountain region, Alaska, in:  Quaternary Research (2003) 60, 252-262.
[9] -Wilmking et al.: Recent climate warming forces contrasting growth responses of white spruce at treeline in alaska through temperature thresholds,  in: Glob. Change Biol. (2004) 10, 1724-1736.
-Wilmking et al.: Divergent growth responses in circumpolar boreal forests, in: Geophysical Research Letters (2005) 32, L15715. DOI: 10.1029/2005GL023331.
[10] D'Arrigo et al.: Thresh-olds for warming-induced growth decline at elevational treeline in the Yukon Territory, in: Glob Biochem Cycles (2004) 18 (3): GB3021, DOI: 10.1029/2004GB002249.
D'Arrigo et al.: Temperature variability over the past millennium inferred from northwestern Alaska tree rings, in: Climate Dynamics (2005) 24 (2-3).
[11] Driscoll et al.: Divergent tree growth response to recent climatic warming, Lake Clark, National Park and Preserve, Alaska, in: Geophysical Research Letters (2005) 32, L20703. DOI: 10.1029/2005GL024258.
[12] Wilson und Luckmann: Dendroclimatic reconstruction of maximum summer temperatures from upper tree-line sites in interior British Columbia, in: The Holocene (2003) 13, 853-863.
[13] Yonenobu und Eckstein: Reconstruction of early spring temperature for central Japan from the tree-ring widths of Hinoki cypress and its  verification by other proxy records, in: Geophysical Research Letters (2006) 33, L10701. DOI: 10.1029/2006GL026170.
[14] Cf., Büntgen et al.: The 'Divergence Problem" in tree-ring research, Seite 2 (abruf-/downloadbar [pdf-Format,  68 KB] unter: Divergence Problem).
[15] D'Arrigo et al.: On the 'Divergence Problem' in Northern Forests: A review of the tree-ring evidence and possible causes, in: Global Planetary Change (2007). DOI: 10.1016/j.gloplacha.2007.03.004.