23. Juni 2011

Professor Singer - nachgefragt

Postmoderne oder postnormale Wissenschaft - was von der Mittelalterlichen Warmperiode übrig bleibt


W.v.B.: Professor Singer, der Terminus "Medieval Warm Period" (=MWP) wurde wohl, darin sind sich Kritiker und Befürworter einig, von Dr. Hubert Lamb in den Mittsechzigern des vorigen Jahrhunderts[1] in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht.

Er versuchte damit dem Umstand Rechnung zu tragen, dass sowohl meteorologische, historische, archäologische, botanische als auch glaziologische Evidenz "in various parts of the world from the Arctic to New Zealand" die These begründete, dass es im Mittelalter, insbesondere zwischen 900 und 1300 A.D. wohl zu einer Erwärmung in besagten Studiengegenden kam - kurzum: das Klima wurde milder.

Man darf getrost behaupten, dass diese wissenschaftliche Zuschreibung bis in die späten 90er hinein ein Allgemeinplatz im Diskurs innerhalb der Klimawissenschaft war.[2] Noch im Jahre 1998 wurden an heimischen Oberstufen die Entdeckung Amerikas durch Leif Ericsson und die Besiedlung Grönlands um die Jahrtausendwende hin zum zweiten Millennium wie selbstverständlich als leuchtende Beispiele für diese milde klimatische Epoche angeführt.[3] Doch noch im gleichen Jahr sollte sich durch die Veröffentlichung einer Studie von Mann et al. ein Paradigmenwechsel vollziehen.[4] Deming schreibt hierzu: "Decades of work was overturned by one journal article. The MWP had been reinterpreted out of existence." [5]

Wie ist Ihre Erinnerung an diese Zeit, was war hier geschehen?

Professor Singer: I was amazed to see such a result published - contrary not only to historic data but all physical data I knew of. However, my main interest was Mann's cutoff of his proxy record in 1979. What was he hiding? I e-mailed him and got a very unsatisfactory reply.

W.v.B.: In der Folgezeit, so mein Eindruck, geriet die "Miittelalterliche Warmperiode" immer mehr ins Hintertreffen. Zunehmend wurde in einschlägigen Publikationen von einer "MCA", einer "mittelalterlichen Klimaanomalie" gesprochen, welche, in Rekurs auf Stine, auf "the emphasis on temperature as its defining characteristic" schlichtweg verzichtet.[6] Xoplaki et al. meinen:
This term was coined originally by Stine (1994), who sougth an explanation for the results of a wide-ranging geomorphic investigation of century-long low stands of lakes in the sub-tropical latitudes of western North and South America."[7]

Andererseits wird gegen eine globale "MWP", hierfür exemplarisch Hughes und Diaz, gern angeführt, "that there is anything more significant than the fact that in some areas of the globe, for some part of the year, relatively warm conditions may have prevailed."[8]

Ist es sinnvoll, anhand der Argumentationen gegen die Verwendung des Konstruktes "MWP" im wissenschaftlichen Diskurs, die Begrifflichkeit in eine "MCA" zu ändern - wie stehen Sie dazu?

Professor Singer: No comment.

W.v.B.: Spätestens seit Climategate ist die Politisierung der Naturwissenschaft in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Einige Klimawissenschafter, darunter Professor von Storch, verwenden seit geraumer Zeit den auf Ravetz und Funtowitz zurückgehenden Begriff der "postnormalen Wissenschaft"[9], um diesen Umstand zu verbalisieren. So ist von, von Storch hierzu in einem neueren, breitenwirksamen Artikel zu lesen:
Die Wissenssoziologie spricht in solchen Fällen von postnormaler Wissenschaft, das heißt einer Wissenschaft, die sich bei inhärenter Unsicherheit gleichzeitig einer potenziellen Signifikanz der Wissensansprüche gegenübersieht.[10]

Ravetz selbst zieht in "Die Lehren aus Climategate" einen ähnlichen Schluss, wenn er schreibt:
Wir können Climategate als einen Fall von Wissenschaftern verstehen, die in einer postnormalen Situation normale Wissenschaft [das Lösen von Problemen in einem unhinterfragten Rahmen, W. v. B.] betreiben müssen. Aber Klimawandel war nie eine "normale" Wissenschaft, weil die politischen Auswirkungen immer vorhanden und stark, sogar überwältigend waren. Wenn wir die Definition von "postnormaler Wissenschaft" anschauen, dann sehen wir, wie gut sie passt: unsichere Fakten, umstrittene Werte, hoher Einsatz und dringliche Entscheide."[11]

Meines Erachtens liegen Ravetz und von Storch hier falsch. Diese Entwicklungen, wie ich sie sehe, sind eine logische Konsequenz postmodernen Denkens, der Umsetzung/Übertragung von postmodernem Gedankengut auf naturwissenschaftliches. Mit fortschreitender Nivellierung logischen Denkens oder gar der Verwerfung von Begründungsansprüchen unter dem Diktum "Logozentrismus", gewinnen subjektive, der eigenen Weltanschauung geschuldete Meinungen auch im wissenschaftlichen Diskurs fern der Geisteswissenschaften an Bedeutung.

Dazu tragen all jene Wissenschafter bei, welche unabhängig von vorliegenden Daten, unter Einfluss ihrer eigenen Weltanschauung, sich bewußt u.a. der Mittelalterlichen Warmperiode zu entledigen suchen, wie auch Wissenschafter, die nach einer erweiterten Expertengemeinschaft rufen aber dennoch im gleichen Atemzug insinuieren, dass "ein grosser Teil der Blogosphäre [banal] oder schlimmer sei".[12]

Dies führt einzig und allein dazu, dass der Diskurs zu einem Monolog verkümmert und sogenannte "Pressure Groups" an Bedeutung erlangen. Das Diktum "Wer die Macht hat, bestimmt den Diskurs", bleibt unberührt, erhalten und bewahrheitet sich auf's Neue.

Wie sehen Sie diese Polarisierung?

Professor Singer: Prof. Michael Hulme, of the UEastAnglia has become a spokesman for postnormal science. I debated him in London 2 yrs ago and reminded him that real science relies on real data.

W.v.B.: Ungeachtet der Tatsache, dass über die letzten Jahre versucht wurde den Terminus "MWP" durch "MCA" zu ersetzen, sprechen Studien der letzten Jahre mehr und mehr für eine MWP in ihrem ursprünglich gefassten Sinne. So wird in 5  der 8 im 'NOAA Paleoclimatology Program archive' aufgelisteten, langfristigen Klimarekonstruktionen aus dem Jahre 2010 dezitiert von einer (M)WP gesprochen.[13] 

Zu erwähnen bleibt, dass in den restlichen Studien die Verwendung des Terminus' MCA - nicht im Sinne Stines - sehr wohl an Temperaturdaten geknüpft ist. Auch verdichtet sich das Bild, dass eine Phase der Erwärmung, gefolgt von einer Phase der Abkühlung - LIA - wohl in allen Teilen der Erde stattgefunden haben muss.[14]

Bereits im Jahre 2000 schrieben Crowley und Lowery vom wissenschaftlichen Wert einer "MWP". 
Because mean temperatures during this interval were warmer than the subsequent Little Ice Age, we believe that the term Medieval Warm period still has value, as long as it is restricted to the northern hemisphere (there is insufficient documentation as to its existence in the Southern Hemisphere) and as long as the user is careful to interpret regional trends within the context of hemispheric-scale variations.[15]

Jedenfalls erscheint es logisch zu sein, dass, wenn die LIA als globales Ereignis gesehen werden kann, die MWP auch als solches gesehen werden muss, wenngleich und da liegt die berechtigte Kritik, welche auch in obigem Zitat ersichtlich wird, dies nicht bedeutet, dass während der historischen Epoche des Mittelalters weltweit synchron und in gleichem Ausmaß eine Erwärmung einsetzte und diese zeitgleich in eine Abkühlung, in die LIA umschlug.

Sollten wir, so mein Vorschlag, nicht viel mehr konsensual davon ausgehen, dass - ganz im Sinne Lamb's - während des Mittelalters eine Erwärmung stattgefunden hat, freilich immer beschränkt auf jenes Gebiet, aus welchem die Studien stammen; dass sich die gemittelten Temperaturen im Studiengebiet teils deutlich von den "mean temperatures" während der LIA - mittlerweile auf allen Kontinenten nachgewiesen - im selben Studiengebiet unterscheiden? Es würde in meinen Augen auch nichts gegen eine Spezifizierung sprechen. So könnte man meines Erachtens dahingehend durchaus stimmig für Teile Südamerikas von einer "spätmittelalterlichen" Warmperiode sprechen.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung, sollten wir die MWP in gewisser Weise an die globale LIA koppeln? Was wird aus der MWP?

Professor Singer: Yes, there is a connection between MWP and LIA. As you know, my book "Unstoppable Global Warming" carries the subtitle "Every 1500 years". Recently, Loehle and I published a paper, proposing that MWP and LIA are part of this cycle.[16]

W.v.B.: Ich danke für das Gespräch!


Dr. Singer ist studierter Atmosphärenphysiker und emeritierter Professor für Umwelt-Wissenschaften an der Universität von Virginia (US). Einer breiten Öffentlichkeit wurde Professor Singer durch seine klimarealistischen Beiträge zu Fragen bezüglich der globalen Erwärmung bekannt.


Fußnoten

[1] Zumeist wird auf die Studie "The early medieval warm epoch and its sequel", aus dem Jahre 1965 verwiesen
(Cf., http://mittelalterlichewarmperiode.blogspot.com/2010/05/mittelalterliche-warmperiode-eine.html)
[2] Cf., u.a. http://mittelalterlichewarmperiode.blogspot.com/2010/06/die-kehrtwende.html
[3] Cf., u.a. http://mittelalterlichewarmperiode.blogspot.com/2010/05/mittelalterliche-warmperiode-eine.html
[4] Cf., http://mittelalterlichewarmperiode.blogspot.com/2010/06/1998-1999-und-der-hockeystick.html
[5] Deming, D.: Global Warming, the Politicization of Science, and Michael Crichton's State of Fear, in: Journal of Science Exploration, Vol. 19, No. 2, 249f.
[6] Cf., Bradley, R. S.: Presentation "Climate of the Last Millennium", HOLOCENE, Working Group Workshop, Bjerknes Centre for Climate Research, August 2003.
[7] Xoplaki, E. et al.: Editorial: Medieval Climate Anomaly, in: PAGES News, Vol. 19, No. 1, March 2011, 4.
[8] Hughes, M. K., Diaz, H. F.: WAS THERE A 'MEDIEVAL WARM PERIOD', AND IF SO, WHERE AND WHEN?, in: Climatic Change 26, 1994, 136.
[9] Funtowicz, S. O., Ravetz, J.: The Emergence of Post-Normal Science: in: von Schomberg, R. (Hg.): Scinece, Politics and Morality. Scientific Uncertainty and Decision Making, Dordrecht: Kuwer 1993.
[10] von Storch, H.: Postnormale Wissenschaft, in: Die Weltwoche, 23/07.
[11] Ravetz, J.: Die Lehre aus Climategate, in: Die Weltwoche, 07/10.
[12] Cf., Ibid.
[13] Cf., http://mittelalterlichewarmperiode.blogspot.com/2011/01/2010-und-die-langfristigen.html
[14] Cf., u.a. http://mittelalterlichewarmperiode.blogspot.com/2010/09/menschen-im-gesprach-teil-vii.html
http://mittelalterlichewarmperiode.blogspot.com/2010/08/menschen-im-gesprach-teil-iii.html
[15] Crowley, Th., Lowery, Th. S.: How Warm Was the Medieval Warm Period?, in: Ambio, Vol. 29 Nr. 1, 2000, 54.
[16] Professor Singer fügte besagte Arbeit als pdf-attachment bei. Der Abstract ist unter http://www.nrcresearchpress.com/doi/abs/10.1139/E10-050 abrufbar.