19. Mai 2010

Mittelalterliche Warmperiode - eine Einführung

Hubert Lamb - ein Terminus technicus entsteht

Wer kann sich nicht an die alten Geschichten über das "dunkle Mittelalter" erinnern. Über Hexenverbrennungen, Kreuzzüge und Pest wird ja heutzutage - wohl mehr aus ideologischen Überlegungen heraus - noch zur Genüge berichtet. Für mich von Interesse sind hier weitere, gelehrte "Allgemeinplätze", wie zB. die Besiedelung Grönlands durch die Wikinger, die steigenden Temperaturen in Mitteleuropa, verschiedene Alpenüberquerungen wie z.B. "Der Bittgang nach Canossa" von Heinrich dem Vierten im Winter des Jahres 1077. Diese "Allgemeinplätze" können mit dem Terminus "Mittelalterliche Warmperiode" in Beziehung gesetzt bzw. in gewisser Weise darunter subsumiert werden - doch dazu später mehr. Wenden wir uns vorab kurz, spezifischer, besagten "Allgemeinplätzen" zu.

Ein König quert die Alpen
Heinrich IV., war - in der heutigen Geschichtswissenschaft ist man geneigt zu behaupten - aus politischen Gründen, dazu gezwungen (dahingehend motiviert), die Alpen zu queren, um den, vom damaligen Papst, Gregor dem Siebten, ausgesprochenen Kirchenbann zu lösen. 
(Genaueres unter: Der Gang nach Canossa).


Aus dem Geschichtsbuch, welches wir in der dritten Klasse an meiner damaligen Handelsakademie,  verwendet haben, ist Folgendes zu entnehmen:
Alpenüberquerung im Januar 1077
Der König (Heinrich IV.) dingte am Fuß der unheimlichen Berge für Lohn einige der Eingeborenen ... Als man unter ihrer Führung den Gipfel des Berges (Mt. Cenis) erreicht hatte, zeigt sich keine Möglichkeit, jenseits weiter fortzukommen. Denn jäh war die Bergwand und glatt durch die eisige Kälte, so dass sich jedes Hinabsteigen zu verbieten schien. Da versuchten die Männer mit allen Kräften die Gefahr zu überwinden, und indem sie bald auf Händen und Füßen weiterkrochen, bald sich auf die Schultern ihrer Führer stützten, dann und wann, wenn ihr Fuß ausglitt, fielen und weiterrollten, gelangten sie endlich unter schwerer Lebensgefahr in die Ebene. Die Königin und die Frauen, die in ihrem Gefolge waren, legten die Führer auf Ochsenhäute der mitgenommenen Zelte und zogen sie darauf hinab.

(Brunner K. et al.: ZEITZEICHEN - Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band I für den III. Jahrgang an Handelsakademien, 2. Auflage 1998, Linz: Trauner, 178) [1]

Man muss sich die damalige Situation; die durch Knochen und Mark gehende Kälte, ständige Lebensgefahr usw. usf., vergegenwärtigen. Mir jedenfalls läuft, bei einem solchen Gedanken ein kalter Schauer den Rücken hinunter. 

Andererseits, wenn ich mir ein Bild vom Mt. Cenis (2083 m), aufgenommen am dritten März 2008, ansehe und die Moderne (asphaltierte Straßen, Autos, Thermojacken etc.) gedanklich zu vernachlässigen suche, ist ein so großer Unterschied zur damaligen Zeit nicht mehr erkennbar. Seht selber:


(Frau Dipl.-Pol. Sabine Bade hat mich gebeten, den dazugehörigen Blog-Artikel zu verlinken, was ich gerne mache und mich hiermit gleichzeitig für die Möglichkeit, das Bild zu veröffentlichen, bedanke:  
 
Ein Vergleich mit der heutigen Zeit oder gar die Behauptung, dass die Temperaturen zur damaligen Zeit am Mt. Cenis ähnlich hoch waren, [2] rückt somit nicht mehr in weite Ferne.

Steigende Temperaturen in Europa
Auch untenstehende Box weist darauf hin, dass es wärmere Temperaturen im Spät-Mittelalter, am Übergang zur Neuzeit gegeben haben muss - dafür spricht der Temperaturabfall um ca. 1°C um 1450. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, wurde genau dies dann auch gelehrt.

(Brunner K. et al.: Ibid., 142)

Auf nach Grönland - die Wikinger
Ein weiterer Aspekt, welcher auf höhere Temperaturen im Mittelalter, resp. zu einem bestimmten Zeitabschnitt im Mittelalter, hindeutet, ist die angebliche Entdeckung und Besiedlung von Grönland durch die Wikinger. Dies erweitert freilich den Objektbereich einer solchen Aussage von anfangs nur Zentraleuropa, über ganz Europa bis hin auf die Nördliche Hemisphäre. Sehen wir, was damals unterrichtet wurde und somit für tausende Schüler wissenschaftlicher "Commen Sense" gewesen sein musste.
Die Normannen
Die Bewohner Skandinaviens, die Normannen (Dänen, Schweden, Norweger), lebten von Viehzucht und Fischfang. Sie bauten nur in geringem Maße Getreide an, deshalb tauschten sie Felle gegen Nahrungsmittel. Zum römischen Rich bestanden Handelsbeziehungen. Erst als die Hunnen und später die Awaren, die Slawen und die Ungarn die "Bernsteinstraßen" von der Ostsee nach Italien und zum Balkan unterbrachen, begannen die Handelsfahrten der Wikinger, der Krieger, zur See und entlang der Flüsse. Ab dem 7. Jahrhundert nahmen die Handelsfahrten zunehmend den Charakter gut organisierter Raubzüge an. Die gut unterrichteten Wikinger tauchten immer dann auf, wenn Siedlungen oder Klöster reichliche Vorräte hatten, raubten, nahmen Sklaven mit und kehrten heim. Ab dem 9. Jahrhundert änderten einzelne Gruppen diese Taktik und erwarben Land.
820 wurden Normannen in Irland sesshaft, um die Mitte des Jahrhunderts in England, im Danelag, 912 erhielten sie im Westfränkischen Reich das Herzogtum Normandie.
840 gründeten schwedische Wikinger eine Herrschaft über das Fürstentum Nowgorod. Aus dem Stammesnamen "Rhos" könnte "Russen" abgeleitet worden sein. Über die Flüsse Osteuropas gelangte eine Flotte bis Byzanz.
859 erfolgte eine Raubzug über Spanien, Nordwestafrika bis Süditalien und Sizilien, wo die Normannen eine Herrschaft errichten konnten. 874 entdeckten Normannen Island, 986 Grönland und um 1000 landete Leif Ericsson an der Nordküste Amerikas.
(Brunner K. et al.: Ibid., 133)

Halten wir fest: Zu meiner Schulzeit wurde mir und abertausend anderen Schülern gelehrt, dass das Hoch-Mittelalter eine Zeit war, in der die Temperaturen anstiegen, was Alpenquerungen und Neubesiedlungen mitunter erst ermöglicht zu haben scheint.

Eine solche Einsicht geht großteils auf die Forschungen des englischen Klimatologen, Dr. Hubert Lamb (gest.) und seine Veröffentlichung "The early medieval warm epoch and its sequel, Palaeogeogr., Palaeoclimat., Palaeoecol., 1, 13-37" aus dem Jahre 1965, zurück. In vielen wissenschaftlichen Studien, welche sich mit klimatischen Bedingungen der vergangenen Jahrtausende beschäftigen, wird Lamb als einer der ersten Klimatologen erwähnt, der die "Mittelalterliche Warmperiode" systematisch beschrieben und erforscht hat. [3]

Somit sehen wir, dass Hubert Lamb wohl den Terminus technicus "Medieval Warm Period"  (Mittelalterliche Warmperiode) wenigstens entscheidend (mit-)geprägt hat.
__________
[1] Den geneigten Leser kann ich auf "Lambert von Hersfeld: Annalen 1077", verweisen. Die Alpenüberquerung von Heinrich IV. wird dort geschildert. Siehe: "Schmidt, A. (Übersetzer): Annalen, 4. Auflage, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000". 

[2]  In einer neuen Studie "Late Holocene glacial and periclacial evolution in the upper Orco Valley" aus dem Jahre 2009, gelangt Giraudi, der Studienautor, zur folgenden Statement:
In at least two periods (2nd century BC-1st century AD and around 5740-5600 cal yr BP), soils developed in areas at present devoid of vegetation and with permafrost. Temperatures have probably reached higher values than those of the present. Analogous conditions likely occurred during the period of 11th-12th centuries AD when a soil developed on a slope presently characterized by periglacial debris. In the 11th-12th centuries AD, frost weathering processes were not active and, due to the higher temperatures than at present or the longer duration of a period with high temperatures, vegetation succeeded in colonizing the slope.
(Giraudi: Late Holocene glacial and periglacial evolution in the upper Orco Valley, in: Quaternary Research, 71, [2009] 7 - abruf-/downloadbar [pdf-Format, 1,1 MB] unter:
Quaternary Research
)

Da das "Orco Valley" (~45.5° N, 7.3° E) und der Mt. Cenis (45° 15' 37'' N, 6° 54' 3'' O) nur ca. 100 km Luftlinie entfernt sind, kann man besagte Studie wohl als wissenschaftliche Evidenz für eine Erwärmung in dieser Region werten.

[3]  Eine, von zahlreichen Studien sei herausgenommen. In "Evidence for a 'Medieval Warm Period' in a 1,100 year tree-ring reconstruction of past austral summer temperatures in New Zealand", erstellt von Cook, Palmer und D'Arrigo, publiziert in GEOPHYSICAL RESEARCH LETTERS, VOL. 29, NO. 14, 1667, 10.1029/2001GL014580, 2002, schreiben die Autoren auf 12-1, einleitend:
The 'Medieval Warm Period' (MWP) was first described by Lamb [1965], considerable interest in the MWP has arisen because of its potential value as a 'natural' analogue of 20th century 'greenhouse' warming
(abruf-/downloadbar [pdf-Format, 349 KB] unter: