26. April 2011

PAGES und der "general consensus"

Am 27. März dJ postete Dr. Zorita auf der klimazwiebel einen Verweis auf den neuen Newsletter, Vol. 19, No 1, March 2011 des PAGES Programmes. Der 40 Seiten starke Newsletter läuft unter dem Titel "Medieval Climate Anomaly", was mir als Anlass dient, verspätet aber doch einige Bemerkungen dazu zu posten.

Im Editorial auf Seite 4 erhalten wir eine kurze Einführung in Entstehung und Gebrauch des Terminus' "Medieval Warm Period" und der anschließenden Ablösung durch die sog. "Medieval Climate Anomaly".  Interessant ist folgender Absatz:
A large number of studies on the temporal and regional expresson of the Medieval Warm Period for different parts of the world have followed since the pioneering works of Lamb and LaMarche. ... The time frame is nowadays more commonly referred to as the Medieval Climate Anomaly (MCA). This term was coined originally by Stine (1994), who sougth an explanation for the results of a wide-ranging geomorphic inverstigation of century-long low stands of lakes in the sub-tropical latitudes of western North and South America. The subsequent adoption of this term reflects the availability of much more information on the climate during medieval times since Lamb's pioneering studies [Hervorhebungen von mir].

Es scheint in der Tat wahr zu sein, dass der Terminus "Medieval Climate Anomaly" heutzutage "more comonly" verwendet wird als früher - und zwar von Dr. Mann, Dr. Bradley, Dr. Diaz u.a. Dass dem jedoch generell so ist, das wage ich zu bezweifeln; zu viele Studien sprechen dagegen. Ebenfalls erschließt sich mir der Sinn hinter dem Verweis auf  Stine 1994 nicht. Es ist zwar wahr, dass Stine in seiner Arbeit aus dem Jahre 1994 das Hauptaugenmerk nicht auf vergangene Temperaturwerte sondern "important hydrological changes" legte. Doch die Frage bleibt, ob die Behauptung "California's Sierra Nevada experienced extremely severe drought conditions for more than two centuries before ad ~1112 and for more than 140 years before ad ~1350" nun gegen eine MWP und für eine MCA spricht. Meiner Ansicht nach lässt sie sich auf erstere zurückführen und schließt zweitere nicht aus. Auch greift der Verweis auf eine nachfolgende Übernahme dieses Terms aufgrund vieler neuer Informationen, quasi als logische Konsequenz eingetretenen, wissenschaftlichen Fortschrittes daraus nicht.

Wie ich in diesem Blog schon mehrmals zu zeigen versucht habe, scheint es doch eher so zu sein, dass für die Mehrheit der themenbezogen arbeitenden Wissenschafter die "kurzfristige" Ablösung der MWP durch die MCA bzw. die gänzliche Streichung einer MWP doch überraschend, fern jedweden Konsenses kam. Auch bleibt die Frage offen, was dies mit der ursprünglichen Aussage Lambs und dem europäischen Kontinent zu tun haben soll, wird dieser Terminus doch in den Publikationen, vor allem von Dr. Mann, nun auch für Klimastudien am europäischen Kontinent verwendet und zu implementieren gesucht. Dagegen spricht in meinem Dafürhalten die nicht mehr zu leugnende wissenschaftliche Evidenz, welche in immer überzeugenderem Ausmaße für die Richtigkeit der Lamb'schen Grundaussage Zeugnis ablegt.

Diaz et al. tragen dieser Evidenz zum Teil Rechnung, wenn Sie in der Zusammenfassung des Lissabon-Kongresses, abgehalten vom 22- bis zum 24 September 2010, auf Seite 32 des Newsletters, darauf bezug nehmen. Sie schreiben über den "generellen Konsens" wie folgt:
In summary, in answer to the question posed above regarding the spatial and temporal scales of the MCA, the general consensus of the participants is that in the past 15 years additional evidence has become available of a climatic anomaly occurring during the time interval ca. 900-1300 AD, albeit with important differences regarding the timing and spatial extent. (Hervorhebungen von mir)

Es scheint zumindest dahingehend ein Fortschritt zu sein, dass die Anzahl der veröffentlichten Studien keine Leugnung (generell oder relativierend) mehr zulässt, wobei wir ja wissen, was die Publikation von nur einer einzelnen Studie mit dem "wissenschaftlichen Konsens" anrichten kann. Die Frage allerdings, warum Dr. Mann und andere, in den Climategate-Skandal verwickelte Wissenschafter immer noch an so prominenter Stelle ihre postnormale Wissenschaft zum Besten geben dürfen, bleibt und schürt die Gerüchteküche, sodass in meinen Augen wohl noch in naher Zukunft nicht von einem bereinigten, normalisierten Zustand in den Klimawissenschaften gesprochen werden kann.